Ich möchte an der Stelle darauf hinweisen, dass über die Situation und die Probleme ja nicht nur in der Lokalpresse, sondern kreuz und quer in der bundesweiten Presse berichtet wird. Und ich meine nicht mal nur den Dauerstau, den es jetzt gibt, samt der vielzitierten Forderung von Verkehrsforscher Andreas Knie, den gerade eröffneten Abschnitt wieder zu sperren bis die Elsenbrücke fertig ist. Ich meine die ebenfalls bundesweit geführte kontroverse Debatte darum, inwieweit der Bau neuer Stadtautobahnen überhaupt noch zeitgemäß ist, sowohl allgemein als auch mit konkretem Blick auf den Ausbau der A100 in Berlin.
Als 2 von dutzenden aktuellen Beispielen nur mal diese 2 Artikel aus Spiegel und n-tv:
- Zur Eröffnung:
Umstrittener neuer Abschnitt der Stadtautobahn in Berlin eröffnet (n-tv)
- Zum Dauerstau:
A100 wird für Berlin zur Problemautobahn (Spiegel Online)
Ich kann die grundsätzlichen Argumente für einen Weiterbau teils durchaus nachvollziehen und irgendwo ganz tief hinten in meinem Hirn verlangt ein kleiner Monk auch danach, die A100 langfristig doch bitte schön ordentlich zu einem richtigen Ring auszubauen. Persönlich finde ich zwar mittlerweile, dass die Argumente der Gegner eines Weiterbaus deutlich schwerer wiegen und dass (gerade auch mit Blick auf viele Ost- und Südostasiatische Städte die ich gut kenne, wie z.B. Bangkok) der Bau neuer Stadtautobahnen eben
nicht die Verkehrsprobleme löst, sondern mittelfristig meist sogar gegenteilige Wirkung hat, aber wie gesagt: grundsätzlich verstehe ich die Argumente beider Seiten und dass es darum eine Debatte gibt.
Was mich aber bzgl. eines weiteren Bauabschnitts Richtung Norden hier viel mehr als die grundsätzliche Frage nach Sinn und Notwendigkeit bewegt ist ehrlich gesagt, wie
realistisch das ganze überhaupt ist. Schauen wir uns den bisherigen Planungsstand für den 17. Bauabschnitt doch mal Stück für Stück von Treptow Richtung Norden an:
- Es geht zunächst auf der freigehaltenen Fläche am Kino vorbei. Hier kein großes Problem (nur "Der Holländer" muss umziehen).
- Es geht westlich am Bahnhof Treptower Park vorbei, einem sehr stark frequentierten Bahnhof mit starkem Umsteigeverkehr in die Busse in der Gegend, viel Nachtleben usw. Zudem verengt sich der verfügbare Platz zw. der Straße "An den Treptowers" und Bahnhof/Bahndamm auf eine für die Autobahn fragwürdig niedrige Breite.
- Aktuell ist für die Spreequerung eine Brücke vorgesehen, aber erstens ist wie gesagt kaum Platz dort, zweitens ist die direkt benachbarte alte Ringbahnbrücke ein Baudenkmal und drittens steht am anderen Ufer der Club OST im Wege, ebenfalls in einem hübschen, alten, denkmalgeschützten Gebäude, welches wohl kaum abgerissen oder mit einer Brücke überbaut wird. Natürliuch im laufenden Betrieb von sowohl Ringbahn als auch Elsenbrücke. Alles spricht dafür, dass bereits hier am Ende eine (teure, aufwändige) Tunnellösung käme.
- Es folgt der teilweise freigehaltene Abschnitt entlang der Ringbahn Richtung Ostkreuz, wo zwar prinzipiell Platz ist, aber die Strecke entlang Wohnbebauung verläuft, die derzeit sogar durch weitere Wohngebäude ergänzt wird, mit Teils Fensterfronten Richtung zukünftiger Autobahntrasse.
- Dann folgt der gesamte Ostkreuz-Bahnhofsbereich, zu dem ja z.B. auch der denkmalgeschützte Wasserturm und das denkmalgeschützte Beamtenwohnhaus gehören und die schon deutlich vorher abzweigende Strecke (Damm+Brücke) der S9. Hier wird immer gern auf die Bauvorleistung beim Bau des neuen Ostkreuzes verwiesen (die Schlitzwände und extradicke Bodenplatte unten drunter). Aber mal ehrlich: es ist eben nur das, nur eine extradicke Bodenplatte. Der Tunnel muss immer noch bei oben laufendem Betrieb gebuddelt werden.
- Jetzt kommt der absurdeste Teil: Unter der Neuen Bahnhofstr. soll also ein Doppelstocktunnel entstehen für die Autobahn. Ich war gestern Abend erst wieder dort vor Ort. Es ist eine der meistfrequentierten, touristischen Ecken Berlins mit zigtausenden Menschen täglich in der Straße. Die Straße selbst ist quasi so eine Art kleinere Wohngebietsstraße mit links und rechts weitgehend original erhaltenen aus Ziegelsteinen gebauten Gründerzeitbauten, die Erdgeschosse dicht an dicht mit Gastronomie gefüllt. Einen Bau im bergmännischen Schildvortrieb mit Tunnelbohrmaschine (TBM) halte ich eigentlich für eher unwahrscheinlich hier angesichts der nötigen Dimensionen einer Autobahn (sehr große TBM nötig) und des Berliner Untergrunds. Für die U5-Verlängerung wurde das ja so gemacht, aber eben mit ultra-aufwändigem Einfrieren des Bodens mittels flüssigem Stickstoff, bei viel größerer Straßenbreite und zugleich geringerem Tunnelquerschnitt. Die Alternative ist offene Bauweise, wobei de facto die gesamte Straßenbreite über Jahre geöffnet und wohl mind. 10m tief ausgebudelt werden müsste: Tod aller Geschäfte dort, keine Erreichbarkeit der Häuser mit Feuerwehr & Co. Die Anwohner der benachbarten Sonntagstr. verhindern seit Jahren den Bau der mickrigen Tramlinie durch ihre Straße; man kann sich also vorstellen, was bei einem Bau einer Autobahn los ist, egal ob unterirdisch oder nicht und egal ob mit TBM oder offen.
- Nördlich der Boxhagener Str. geht das so weiter, mit angrenzend u.a. dem denkmalgeschützten Knorr-Bremse-Gebäude.
- Dann soll die Autobahn irgendwie auf die Ostseite der Ringbahn verschwenkt werden, völlig unklar wie genau. Auch hier bleibt eigentlich nur der Tunnel und hier aufgrund der vielen Bebauung praktisch auch nur via TBM.
- Ist man dort schließlich angekommen wird es (endlich) etwas einfacher und ich beende hier mal meine Betrachtung...
Vollkommen egal wie man grundsätzlich zu der Idee eines Weiterbaus steht, halte ich eine Realisierung des 17. Bauabschnittes für derart heikel, dass ich sie als praktisch unumsetzbar einschätze.
Technisch ist das alles irgendwie möglich, irgendwie machbar, aber mit Blick auf Rechtsfragen (Anwohnerklagen etc.), statische und denkmalschützerische Details bei der bestehenden Bebaung, der absehbar über Jahrzente anhaltenen Polarisierung der Stadtgesellschaft (mit wahrscheinlich Massendemonstrationen, Sitzblockaden, potenziell sogar Sabotageakten etc.) und insbesondere den nicht ansatzweise abschätzbaren tatsächlichen finanziellen Kosten ist die Idee einer Fortführung m.M.n. völlig illusorisch.
Ich weiß nicht wie irgendjemand ernsthaft jemals solche Kosten wie 'nur' 500 Mio. Euro für den 17. Abschnitt schätzen konnte. Zuletzt hatte ich irgendwo was von geschätzten 1.x Milliarden gelesen. Das ist doch alles Blödsinn! Ich werfe hier jetzt mal eine Schätzung von min. 20 Milliarden Euro Gesamtkosten bis zur Fertigstellung in den Raum. Mindestens! Noch nie hat es in Deutschland ein vergleichbar kompliziertes Stadtautobahnprojekt gegeben und schon gar nicht in den letzten 30, 40 Jahren. Jeder Versuch, diesen Abschnitt Realität werden zu lassen wird scheitern und Berlin wäre gut beraten, dies frühzeitig (naja, eigentlich reichtlich spät mittlerweile) zu erkennen und stattdessen an einem guten und sinnvollen Gesamtverkehrskonzept wie von
@StefanM gefordert zu arbeiten, welches MIV, ÖPNV, Radverkehr etc. alles mit einbezieht, aber eben ohne die Autobahnverlängerung (man kann von den gesparten Kosten ja vermutlich die halbe Stadt neu gestalten).